| |
|
Leseprobe
Beuster, Die Jungenkatastrophe (S. 9-20)
Müssen Jungen stark sein?
Ja! Sie müssen und sie wollen es auch. Doch sind viele Jungen
der Meinung, es käme nur auf die äußerlich und sofort
sichtbare
Stärke an. Viel wesentlicher ist aber die Stärke des Herzens.
Diagnose «Junge»
Jungen müssen stark genug sein, um ihr Leben bewältigen zu können,
im Einklang mit ihren Mitmenschen,
für die auch sie ein Herz haben sollten. Doch für diese Form
von Stärke haben sie oft keinen Blick, ist sie
doch weit aus weniger imposant anzusehen als ein kräftiger Bizeps.
Posing ist vorbei, anderes wird von
Jungen erwartet. Doch damit haben sie so ihre Schwierigkeiten, und das
wiederum führt bei Jungen zu
Problemen. Jungen sind in Not geraten. Vieles wird von ihnen gefordert,
für das ihre «Bordmittel» nicht
ausreichen. Weil eine einseitige, unzureichende Prägung und eine
mangelhafte Anleitung von Jungen
dazu führt, dass sie den steigenden Anforderungen nicht mehr gewachsen
sind, leiden immer mehr Jungen
unter den Folgen und mit und unter ihnen auch andere. Sinn dieses Buches
soll sein, Anstoß zu geben,
einen Blick auf Jungen zu erhalten, der sie nicht nur als Täter sieht,
sondern auch als Opfer einer Welt,
die ihnen nicht ausreichend gut tut. Jungen halten uns einen Spiegel vor
– ihre Katastrophe ist eigentlich
die Mensch gewordene Unfähigkeit der Erwachsenen und unserer Gesellschaft,
die Entfaltung verhindert
und Überforderung schafft. In welchen Bereichen dies geschieht, zeige
ich an ausgewählten Beispielen auf,
wobei Jungen auch selbst zu Wort kommen. Mit meinem Beitrag möchte
ich die gegenwärtige Situation von
männlichen Menschen analysieren. Dabei spielen auch die älteren,
die Väter und Männer insgesamt, eine
wichtige Rolle. Haben sie doch eine wesentliche Aufgabe für Jungen:
Sie sind deren Rollen-Vorbilder.
Im Wissen um die Unmöglichkeit von Ausgewogenheit bei so einem Thema
habe ich des Öfteren
verallgemeinernd von Jungen gesprochen. Die Jungen gibt es aber nicht.
Jeder Junge ist besonders.
Und dennoch gibt es viel Verbindendes zwischen ihnen: Eines Tages werden
sie Männer sein. Und wie
diese zu sein haben, lernen sie schon sehr früh. Vieles von dem,
was ich schreibe, trifft also immer nur auf
bestimmte Jungen zu, und die meine ich dann auch. Die Sicht auf die Situation
der Mädchen habe ich zumeist
weggelassen, obwohl viel von dem Gesagten auch auf sie zutrifft. Wichtig
ist: Ich habe ein Buch über und
für Jungen geschrieben und nicht gegen Mädchen. Das Buch ist
subjektiv und hat mit meiner Wahrnehmung
und meinen Erfahrungen zu tun. Als ehemaliger Junge könnte ich schon
viel zum Thema anmerken, auch als
Vater zweier Söhne mache ich viele Erfahrungen. In der Schule als
Lehrer habe ich ebenfalls sehr viel mit
Jungen zu tun. Ganz besonders häufi g mit denen, die Schwierigkeiten
haben und die Schwierigkeiten
machen. Als Beratungslehrer sowohl an einer Grund- als auch an einer Gesamtschule
bleibt es nicht aus,
ihre spezielle Not besonders in der Schule zu erkennen. Die Befund könnte
dort wie an anderer Stelle
lauten: Diagnose «Junge». Ohnmächtig stehe ich manchmal
vor den Herausforderungen, die die Arbeit mit
Jungen mit sich bringt. Es kommt mir so vor, als würde ich versuchen,
einen See mit einem Löffel zu leeren.
Elternhaus, Arbeitswelt, Öffentlichkeit und die Macht der Medien
scheinen immer wieder das zu torpedieren,
was mühevoll von engagierten Eltern und Pädagogen zur «Rettung»
vieler Jungen getan wird.
So ist meine Hoffnung darin begründet, dass sich immer mehr Menschen
einen unverstellten Blick auf und
einen liebevollen Zugang zu Jungen verschaffen und damit ebenso viel verändern
können, wie es die
«Frauenbewegung» für die Mädchen konnte. Dieses
Buch hat das Ziel, Jungen nicht zu verdammen, sondern
aufzuzeigen, was Jungen brauchen, um innerlich stark zu werden. Machen
wir sie stark und vergessen
ihr Herz dabei nicht!
I. Männliche Sozialisation bei Männermangel
Viele Jungen haben es in der Erziehung fast ausschließlich mit
Frauen zu tun. Immer mehr Jungen werden nach immer mehr «Familienaufl
ösungen» von ihren Müttern
allein erzogen. Da in den allermeisten Fällen im Kindergarten und
im Hort die Bezugsund Erziehungspersonen
ebenfalls weiblich sind, fällt zumeist Frauen die Aufgabe zu, die
schwierige Sozialisation von Jungen zu
gestalten und mit deren ersten Machoallüren umzugehen. Auch die Grundschule
ist eine Welt fast ohne Männer.
Die Lebenswelt von Jungen ist überwiegend weiblich geprägt.
Zu viel Mama und zu wenig Papa Fast jede
zweite Ehe in der Bundesrepublik wird geschieden. Viele Väter wollen
oder können die alltägliche Betreuung
ihrer Kinder nicht leisten, manchmal sollen sie es aber auch nicht, und
so wachsen die meisten
Scheidungsjungen bei ihren Müttern auf. In Deutschland erziehen zwanzig
Prozent aller Mütter ihre Kinder
ohne deren Vater!1 Das bedeutet, jede fünfte Frau mit mindestens
einem Kind unter 15 Jahren ist allein
erziehend. Knapp zwanzig Prozent aller Kinder leben inzwischen in Deutschland
in so genannten
«Einelternfamilien». Rund 3 Millionen Alleinerziehen de, achtzig
Prozent davon sind Frauen, haben sich
entweder selbst entschieden, diese wichtige Aufgabe zu leisten, oder sind
durch die Umstände dazu
gezwungen worden. Verheiratete Frauen erziehen sehr oft auch allein, aber
meist aus anderen Gründen
als geschiedene. Allein stehende Frauen leisten mit viel Liebe, oft mit
dem Verzicht auf ein ausgedehntes
Privatleben und eine eigene berufl iche Karriere, was Kinderlose sich
nur schwer vorstellen können:
Die verantwortungsvolle Aufgabe der Erziehung von
1 Quelle: Destatis
Immer mehr trennungsgeschädigten Jungen und Mädchen
liegt in den allermeisten Fällen in rein weiblichen
Händen. Frauen haben großen Einfl uss auf die nächste
Generation. Sie beackern ein entscheidendes Feld.
Sie säen ihre Sicht der Welt und des Mensch- und Mannseins in ihre
Kinder. Viele können und wollen dieses
Feld gar nicht räumen, wissen sie doch sehr genau, wie bedeutsam
das Muttersein ist, was sie an ihren
Kindern haben: erfüllende Beziehungen zu ihren Kindern, die im Alter
auch noch für sie da sind. Kinder sind ein
«Schatz», den es zu bewahren gilt. Viele Väter «verwaisen»,
wenn sie von ihrer Frau verlassen werden.
Sie verlieren nicht nur die Partnerin, die in immer mehr Fällen die
Trennung aktiv einleitet, sondern auch
ihre Kinder. Väter, die es nicht besser wussten oder konnten, die
zu wenig in die Familie investiert haben,
leiden erst dann, unter dem Verlust ihrer Familien, wenn es zu spät
ist. Viele Männer kommen gar nicht auf
die Idee, dass sie zu einer aktiven positiven Vaterschaft fähig wären
und wie diese aussehen könnte.
Oftmals haben sie in ihren Augen bereits all das gegeben, was sie unter
einer guten Vaterschaft verstehen.
Sind sie doch das Produkt ihrer eigenen Sozialisation. Ihnen wurde von
Männern nicht ausreichend
vorgelebt oder – auch von Frauen – nicht intensiv genug vermittelt,
was es bedeutet, ein «besserer»
Mann und Vater zu sein. Viele Männer vereinsamen und verwahrlosen
emotional noch mehr, wenn sie
von ihrer Familie getrennt leben. Jungen, denen aufgrund ihrer Familienverhältnisse
wenig väterliche
und viel mütterliche Präsenz beschieden ist, müssen sich
nicht zwangsläufi g zu Problemkindern entwickeln.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Kindheit voll mütterlicher
Liebe positiv auf ein Jungenleben auswirkt,
ist sehr groß. Mütter dürfen sich nicht schuldig fühlen.
Und sie sollten nicht nur deshalb bei ihren oft gar
nicht vorbildhaften Männern bleiben, um zu gewährleisten, dass
ihr Sohn eine männliche Identifi kationsfi
gur hat. Nur wegen der Kinder zusammenzubleiben ist keine Lösung
für elterliche Spannungen. Das hat
sich zu oft als falscher Weg herausgestellt. Die richtige Konsequenz wäre
es aber, sich wegen der Kinder
um ein besseres Miteinander zu bemühen und sich mit den eigenen,
unterschiedlichen Rollenbildern
auseinander zu setzen, denn Jungen brauchen echte Papas und das rechte
Maß Mama. Väter sind für
Kinder nicht zu ersetzen, ebenso wenig wie Mütter. Väter sind
keine Mütter und Jungen keine Mädchen.
Jungen sind anders und diese Andersartigkeit will berücksichtigt
sein. Achtzig Prozent der Ratsuchenden,
die eine Erziehungsberatungsstelle aufsuchen, sind Mütter mit ihren
Söhnen. Mütter reden mit anderen
über ihre Probleme, sie holen sich Hilfe, gerade auch bei Erziehungsfragen.
Dabei geht es häufi g um das
häusliche Verhalten des Sohnes, um die schulische Situation der Jungen,
ihre «Nullbockhaltung».
Insgesamt haben Jungen schon mehr Schwierigkeiten, wenn sie ohne Vater
aufwachsen. Drogenkonsum,
aggressives Verhalten, auch autoaggressive suizidale Gedanken und Handlungen
kommen bei Jungen
häufi ger vor, wenn sie keinen Vater mehr greifbar in ihrer Nähe
haben. Die krisenhafte Entwicklung vieler
Jungen weist nicht auf ein Versagen der Mutter hin. Es ist vielmehr ein
deutlicher Hinweis darauf, wie
wichtig und wie besonders die Beziehung eines Jungen zu seinem Vater sein
kann.
Ein anwesender Vater ist aber keine Garantie, vor derlei Problemen bewahrt
zu bleiben. Es gibt vielmals
gerade auch wegen des Vaters eine ganze Reihe von Schwierigkeiten für
Jungen. Als Beispiel sei hier
nur der hohe schulische oder berufl iche Erwartungsdruck von manchen Vätern
gegenüber ihren Söhnen
erwähnt. Die oftmals überforderten Jungen wissen oft keinen
Rat mehr und handeln kurzschlussartig.
In seltenen Fällen auch mit dem «Vatermord». Doch dank
des Verhaltens vieler Mütter kommt es gar
nicht erst zu solch drastischen Maßnahmen. Manche Mütter verlassen
aus Fürsorge ihren Kindern
gegenüber den Mann, der seine Vaterpfl ichten missbraucht und in
bestimmten Fällen gar nicht mehr
«Vater» genannt werden dürfte. Wenn Frauen ihren Mann
verlassen, weil er in ihren Augen als Partner,
als Mann oder als Vater versagt, dann bleibt den Jungen nur noch die Mutter.
Sie ist dann die einzige
elterliche Bezugsperson. Sie, die Alleinerziehende, ist für alles
verantwortlich, ist immer da: morgens,
mittags und abends. So ist die Mutter die erste und einzige Bezugsperson,
diejenige, die morgens
das Schulbrot schmiert und abends die Einschlafkassette umdreht. Eine
Mutter für alle Fälle und vor
allem rund um die Uhr, auch in den Situationen, in denen Jungen eigentlich
einen Mann, einen Papa
bräuchten. Eine schwierige Situation, für Mutter und Sohn. Mamasachen
sind anders, Papasachen
auch Wie sehr Jungen die Andersartigkeit von Männern genießen,
zeigt mir mein achtjähriger Sohn
Benedikt immer dann, wenn er zum Beispiel von einem Ausfl ug mit seinem
Freund Marcial und
dessen Vater zurückkommt. Marcials Vater hat einen «richtigen»
Geländewagen, mit dem die drei
hin und wieder durchs Gelände fahren. Das Größte für
die beiden Jungen ist es, wenn der Vater
dabei – vorsichtig fahrend – die Jungen auf der Motorhaube
sitzen lässt. Ängstliche Bedenkenträger
werden vor Augen haben, was alles Schreckliches in dieser Situation passieren
könnte. Die
Begeisterung aber, mit der mir mein Sohn stolz von einem solchen Erlebnis
berichtet, würden sie
vielleicht gar nicht wahrnehmen können. Wie gut, dass es auch andere
verantwortungsbewusste Väter
gibt, die mit meinem Sohn etwas Aufregendes unternehmen, etwas «für
Jungen», etwas, was ich ihm
vielleicht nicht ermöglichen kann. Mütter können solche
Prozesse unterstützen, in denen ihre Söhne
sich ausprobieren wollen. Allerdings kommen sie in Bereichen, die ihrer
Erfahrungswelt fern liegen,
schnell an ihre eigenen Grenzen. Sie müssen ihrem Sohn aber auch
nicht beweisen, sie könnten alles.
Mütter können eher als Väter über ihre Defi zite sprechen,
auch über ihre Überforderungen, weil es
sich ja nicht um Bereiche handelt, durch die sie sich stark identifi zieren.
Einem Vater würde dies vor
seinem Sohn oder anderen Vätern nicht so leicht fallen. Viele Väter
sind gerne die Helden ihrer Söhne.
Mamataub in die «Frauenschule» Jungen haben in ihrem Leben
oft nur mit Frauen zu tun. Ganz besonders
eindrücklich wird dies in der Grundschulzeit. Dort gibt es wie allgemein
bekannt eine deutliche
Überrepräsentanz von Lehrerinnen, in Einzelfällen gibt
es sogar bei mehreren hundert Kindern
keinen einzigen Lehrer. In einer Schule in Hamburg wird selbst die Hausmeisterei
von einer Frau
betrieben. Eine Schule ganz ohne Männer! Ist das nicht die Erfüllung
eines radikalfeministischen
Traumes der Frauenbewegung? «Eine Welt ohne Männer!»
Für viele Lehrerinnen von heute ist es
wohl eher ein Albtraum. So wünschen sich die weiblichen Kollegien
dringend Männer an den Schulen,
nicht unbedingt nur die «soften». Auch die kleinen Knirpse
an den Grundschulen äußern den Wunsch
nach mehr männlicher Präsenz in der «Frauenschule».
Einer meiner (wenigen!) männlichen
Lehramtsstudenten befragte diverse Klassen der 3. und 4. Jahrgangsstufe
nach ihrer schulischen
Situation. Die Auswertung der schriftlichen Ergebnisse zeigte, dass lediglich
ein Junge es gut fand,
dass nur Frauen an seiner Schule sind. Seine Begründung: Er fi ndet
sie lieb und nett. Alle anderen
Jungen äußerten sich mehr oder weniger ablehnend gegen eine
Beschulung allein durch Pädagoginnen.
Oftmals mit dem Grund, Frauen würden Mädchen bevorzugen und
könnten sich nicht richtig
durchsetzen. Männer werden von ihnen als «härter»
angesehen, auf die würden sie hören.
Viele Lehrerinnen bestätigen, dass sich Jungen oft nichts mehr von
ihnen sagen lassen, sie reagieren
auch nach mehrmaliger Aufforderung oder Ermahnung nicht. Sie sind «mamataub»
geworden.
Jungen schalten auf «Durchzug», wenn Frauen ihnen –
in ihrer höheren Stimmlage – Anweisungen
geben. Sie sind auf der «Mama-Frequenz» immun geworden. Zu
viele Korrekturen und Hinweise haben
sie über sich ergehen lassen müssen. Zwischen Sohn und Mama
gibt es dafür immer wieder Anlässe,
ihre Rollen und Eigenarten sind zu verschieden. Sobald Pädagoginnen
aber ihre Stimme gezielt senken,
reagieren Jungen viel eher.2 Jungen spüren, dass sie die Korrektur
letztlich brauchen, aber ihr
Unabhängigkeitswunsch, ihr «Ego» ist oftmals stärker.
Und solange der Druck nicht groß genug
und wirklich eindrücklich ist, geschieht häufi g erst einmal
gar nichts. «Abwarten und sehen,
was passiert» – lautet die Devise. So fordern deshalb gerade
Jungen immer wieder gezielt nach
einem durchsetzungsstarken, strengen, aber gerechten Pädagogen. Auf
dem Rückweg der Drittklässler
vom Hallenschwimmbad zur Schule scherte ein recht klein gewachsener Junge
immer wieder aus der
Gruppenordnung seiner Klasse aus. Die Kollegin, selbst auch recht klein,
forderte den Jungen
mehrmals auf, sich von der stark befahrenen Straße fern zu halten.
Doch er reagierte einfach
nicht. Als er Anstalten machte, die vierspurige, stark befahrene Straße
schon weit vor dem
gesicherten AmpelÜberweg zu überqueren, ging ich zu dem Jungen
(ich war mit meiner Klasse
ebenfalls auf dem Rückweg vom Schwimmbad) und «klemmte»
ihn mir unter den Arm.
«Wenn du allein nicht sicher gehen kannst, dann muss ich dich wohl
tragen!» Mehr Worte hatte
ich nicht für ihn. Die Lehrerin ließ mich gewähren und
war froh, dass der Junge «gebändigt»
war, schließlich war sie für seine Sicherheit verantwortlich.
Einige hundert Meter blieb der
Junge still in der nicht ganz bequemen Position. Dann meinte er: «Ich
kann jetzt wieder alleine
gehen.» Ich ließ ihn hinunter, und wir gingen ruhig nebeneinander
bis zur Schule. Von diesem
Tag an grüßte er mich freundlich. Die Lehrerin fand diese paradoxe
Intervention in Ordnung.
Sie hatte nicht den Eindruck, ich hätte ihre Autorität untergraben.
Ihr Verhältnis
2 In Japan werden Frauen, die auf höheren Ebenen
mit Männern zusammenarbeiten sollen, auch nach
ihrer hohen Stimmlage ausgesucht. Die Männer gehen davon aus, dass
sich diese Frauen aufgrund ihrer
«dünnen», weiblichen Stimme in der japanischen Männerwelt
nicht ernsthaft zu wirklichen
Konkurrentinnen entwickeln können.
Zu dem Jungen war ab diesem Zwischenfall ebenfalls verbessert.
Vielleicht hat er etwas gelernt. Es geht
zwar oft um die Macht- Frage zwischen Schülern und Lehrern, aber
vornehmlich sollte es um ihre
Entwicklung und um ihre Sicherheit gehen. Hörkanal verstopft! «Wer
Ohren hat, der höre!» Das ist bei
Jungen aber nicht so einfach. Durch das Ohr erreicht man Jungen schwer,
sie reagieren eher auf andere
Sinne. Sie hören weniger und fühlen mehr. Besonders wichtig
ist ihnen, mit den Rezeptoren ihres ganzen
Körpers die Umwelt wahrzunehmen. Aus diesem Grund hat die Kinderpsychologin
Jirina Prekop gerade
für wilde Jungen die so genannte «Festhalte-Therapie»
propagiert, die den Erwachsenen das enge
Festhalten des Kindes als Alternative zu anderen (oft viel härteren)
Maßnahmen anrät.3 Bei der großen
«Liebe» vieler Jungen am Raufen und Balgen – wobei sie
selbst auch sehr fest halten und den engen
Kontakt suchen – erfassen und spüren Jungen sich und die Situation,
auch den Ernst der Lage, viel
besser. Doch gerade Müttern ist der nahe Kontakt zu ihrem Sohn schnell
zu grob. Meine Frau hat
allzu schnell einen blauen Fleck, wenn sie mit unserem ältesten Sohn
aus Spaß «rauft». Der sehr
persönliche Text eines meiner Studenten bringt das zum Ausdruck,
was vielleicht viele Jungen empfi nden,
wenn sie einzig mit ihrer Mutter zusammen sind «… Meine Mutter,
meine Mutter ist für mich die Person, die
mich von Geburt an großgezogen und vor allem erzogen hat. Ich glaube
nicht, dass sie mich in dieser
Zeit je verstanden hat, aber vielleicht konnte ich auch bloß nicht
ihr Verständnis von gut und schlecht,
von Benehmen und Fehlverhalten auf meine Verhaltens- und Erlebnisweisen
umsetzen. Wir haben
uns ständig gezofft und gestritten, und ihre Kritik an meiner (Er-)Lebensweise
liegt mir heute noch
in den Ohren.
3 Jirina Prekop, Hättest du mich festgehalten …,
München 1999
Papa, Papa ist anders gewesen. Wir haben uns nie gestritten,
nie habe ich ihn schreien gehört oder
gar eine Ohrfeige bzw. einen Arsch voll von ihm bekommen. – Aber
Papa war auch nie zu Hause.
Anfangs hat er immer sehr lange gearbeitet, sodass ich schon im Bett lag,
als er nach Hause kam.
Später dann ist er ganz bei seiner Arbeit geblieben, und von Zeit
zu Zeit hat meine Mutter einen
Ersatzpapa mit nach Hause gebracht, nur, eine wirkliche Nähe oder
gar Geborgenheit ist dabei nicht
entstanden. Aber warum sollte ich denn schon zu diesem Zeitpunkt klagen?
Ich hatte doch noch meine
gesamte Zukunft vor mir, und an deren Anfang stand die (Grund-)Schule.
– Juhu? – Endlich ein Lehrer
in meinem Lebenslauf, ein Vorbild, eine Identifi kationsperson!
Mein erster Lehrer hieß allerdings Frau R. … und war weiblich.
Bis heute bin ich das Gefühl nicht
losgeworden, dass ihr Unterricht an mir vorbeilief. So seltsame Unterrichtskonzepte,
geprägt von
Sozialkompetenz, Teamorientierung, Kommunikations- und Sprachfähigkeit,
hatten in ihrem
Sinnverständnis eine ganz andere Bedeutung als in meinem. Auch ihre
Wertlegung auf den
Unterschied von Mädchen und Jungen – hört sich doch gar
nicht so schlecht an! – kommt mir im
Nachhinein etwas suspekt vor. Wenn ich das Ganze so rekapituliere, erscheint
es mir schon recht
merkwürdig, dass weibliche Power nach ihrem Verständnis gleichzusetzen
ist mit Temperament,
während die männliche Übersetzung wohl eher Verhaltensstörung
geheißen hätte.»4 Jungen sind
oft so ganz anders als Mädchen. Viele Frauen und weibliche Altersgenossinnen
der Jungen haben
Schwierigkeiten, dies anzuerkennen und damit angemessen umzugehen. An4
Ich danke Klaas
Kurtzweg für die Genehmigung, diesen Auszug aus seiner Seminararbeit
zu veröffentlichen.
Erstellt in meinem Seminar «Umgang mit Jungen in der Grundschule»,
Universität Hamburg, Sommer 2001
toughe, starke Mädchen, die sich dank ihrer intensiven
Förderung in den letzten Jahrzehnten immer
selbstbewusster entwickeln konnten, haben sich inzwischen viele Erwachsene
gewöhnt. Viele Jungen
aber offensichtlich noch nicht. Mädchen sind zum Maßstab geworden,
an dem Jungen sich zu messen
haben. Doch gemessen an diesem hohen Maß des sich behauptenden,
aufstrebenden weiblichen
Geschlechts stechen Jungen deutlich hervor, und zwar negativ. So wird
ihre geschlechtsbezogene
Schwäche in vielen Bereichen oftmals schon zu einem sehr frühen
Zeitpunkt recht deutlich.
Kindergärten-Muttis und Grundschullehrer-Tanten beklagen die Schwächen
des ehemals als stark
bezeichneten Geschlechts zunehmend. Mütter – Die ohnmächtige
Macht Besonders Frauen, Mütter,
bekommen zu spüren, wie schwer es in vielen Fällen geworden
ist, mit einem aus dem Lot und in Not
geratenen, angeknacksten Helden zusammenzuleben. Um für das Leben
mit einem Jungen gerüstet
zu sein, reicht es für viele, hauptsächlich allein erziehende
Frauen nicht aus, auf die eigene Lebenserfahrung
zurückzublicken, es reicht nicht, erwachsen zu sein oder Mutter zu
sein. Vielfach ist das Verhältnis zum
männlichen Geschlecht bestimmt vom Unverständnis für dessen
Andersartigkeit. Allerdings kommen
manche Mütter besser mit ihren Söhnen zurecht als andere. Nicht
alle Mütter sind gleich, und vor allem
sind nicht alle Jungen gleich. Es gibt eben Jungen jeder Sorte. Was letztlich
im Leben darüber entscheidet,
wie sich ein Junge entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. So zum
Beispiel auch von der Art und Weise,
wie er gefördert und gefordert wird, wer mit ihm zusammenlebt, wie
er erzogen wird und welche Anlagen
er mitbringt. So verschieden, wie Jungen sind, so verschieden sind auch
Mütter oder Väter. Manche kommen
gut mit Jungen aus, andere eher mit Mädchen. (Sicherlich gibt es
auch Mütter und Väter, die die
Unterschiedlichkeiten der Geschlechter zu schätzen wissen und mit
beiden gut klarkommen.)
Schwierig scheint es aber dann zu werden, wenn eine «typische»
Mädchenmutti einen wilden Kerl
großziehen soll. Sie wird wahrscheinlich viel mehr Irritationen
erleben als eine so genannte «Jungenmutti»,
das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wird eher von Unverständnis
geprägt sein. Die Tatsache der
Feminisierung der Lebenswelt von Jungen kann zum Problem für sie
werden, denn sie wollen und sollen
keine Frauen werden. Doch benötigen sie männliche Vorbilder,
besonders in der Schule. Eine zu starke
«Verweiblichung» ihres Lebensumfeldes, die Allgegenwart des
anderen Geschlechts, das massive Erleben
der weiblichen Einfl ussnahme auf ihren Alltag, das Gefühl, dass
vieles von dem, was sie tun, von weiblichen
Menschen nicht nachvollzogen werden kann und abgelehnt wird, kann dazu
führen, dass sich Jungen ganz
bewusst von Frauen entfernen. Eine fatale Entwicklung, denn grundsätzlich
empfi nden die allermeisten
Jungen Dankbarkeit und Wohlwollen gegenüber ihren Müttern. Dies
kann sich aber verändern, denn viele
Mütter haben aufgrund der Doppelbelastung durch Beruf und Erziehung
auch eine andere Rolle bekommen.
Sie müssen Mütterlichkeit und Väterlichkeit in sich vereinigen
und verlieren so einen Teil ihres Mutterseins.
|